2. Oktober 2011

Süßes Nichtstun

Der Tag der deutschen Einheit ist das Ketchup unter der Ladentheke des Feiertaggeschäfts. Als Ostkind weiß man, dass das was besonderes ist – sowohl historisch als auch praktisch. Erst einmal kann man um diesen Tag herum nichts in sich Schlüssigeres tun, als das vor einiger Zeit ergatterte Sandförmchen Reisefreiheit mit dem Weiterplanen einer Weltreise zu füllen. Und dann verdonnert dieser Feiertag einen ja förmlich zum Innehalten (und damit auch zum Ausschlafen und wertvollen Nichtstun). Für beides ist man demütig dankbar.

Vor allem weil eine sich anbahnende Erkältung fast alles kaputt gemacht hätte. Dabei beschleicht und verfestigt sich allmählich der Eindruck, alle Apotheker haben sich bundesweit einer Schulung „Wirkungslos aber teuer – Homöopathie: der neue heiße Scheiß“ unterzogen. Die richtigen rezeptfreien Medikamente bekommt man nur noch selten und dann nur unter dem Ladentisch. Zum Glück hat man aber eine bezaubernde Ärztin im geschätzten Freundeskreis. Die echten Medikamente in Kombination mit Hausmittelchen Zitronensalzwassergurgeln haben die freien Tage gerettet.

Diese wurden dann mit den Stiften Nestwärmebesuch, dem Ankurbeln der Outdoorausrüstungswirtschaft und dem süßen Nichtstun bunt angemalt. Alles grandiose, wozu sonst keine Zeit ist: das aus dem Sinn geratene Spazierengehen (not 18 anymore) das immer wieder nerdige aber phänomenale Flughafenpilgern bei Sonnenuntergang inklusive Rollfeldhasengucken, die Kamera in die Hand nehmen, Chaostetris im Kopf ordnen, Gitarre spielen, Zeitgefühl verlieren, und einen Ort finden, an dem das süße Nichtstun sogar den Zuckerspiegel zum Sprudeln bringt: Peynirli Künefe. Hach.

22. Mai 2011

Digitale Kindergeburtstagstiefkühltorte

Ein Moment wie am achten Geburtstag, als die monatelang gewünschte Bofrost-Pumuckl-Torte auf dem Tisch stand. Und man fand sie so schön, dass man sie am Anfang zu schade zum Anschneiden gefunden hat. Da sonst aber alle eingeladenen Kinder hungrig nach Hause gegangen wären, wurde das bunte Sahnekunstwerk doch gegessen.
Was damals zum Geburtstag die Torte war, ist heute zum Diplom eine großartige neue Spiegelreflexkamera. Man hat monatelang mit ihr geliebäugelt, weil sie schwenkend leicht Bild und Full HD Video kann, Und das Schöne ist: sie hält länger als eine Kindertiefkühltorte. Nicht auszumalen, was die Dame in Zukunft noch alles vors Objektiv kriegt.
Wer die Fotos hier übrigens mag, kann gern dort weiterstöbern.

3. Mai 2011

Wurzelbehandlung

Die Tage sind so prall wie Jogurtbecher, die in der Sonne stehen und deren Deckel sich verdächtig spannt. Und nachts klammert sich das Hirn an Thesen und hangelt sich an aufgefädelten Argumentationsketten entlang, die bald sitzen müssen. Und in der überschaubaren Zeit dazwischen kommt einem Musik aus der Heimat in den Sinn, die so wunderbar ist, dass man sich mit prallen Jogurtbechern und aufgefädelten Argumentationsketten wieder versöhnt und zufrieden mitsummt. Und wenn dann noch das neue famose Objektivbaby Fotos ausspuckt, die völlig unbearbeitet nach Märchen riechen, ist alles schön irgendwie, so wie es gerade ist.
Herzerwärmende Musik aus den Thüringer Wurzeln mit bezaubernden Stimmenkurven und ohne Bereitschaft zu Kompromissen:
Alin Coen und Max Prosa.

27. April 2011

Meerteiler

Heute noch Sand aus dem Rucksack in der Wohnung verteilt. Manche Dinge bleiben also tatsächlich im Heute kleben und denken gar nicht daran, Vergangenheit zu werden. Beruhigend, das.

26. April 2011

hochwertiges Rumhängen

Wie angekündigt ein zweiter Schwung konservierter Erinnerungen: Rollen im Kies fürs Motiv und schiefes Singen auf der Kante zwischen zwei Tagen. Alles: Wie es sein muss um hervorragend zu sein.

25. April 2011

Rückwärts Rennen

Dieses konstant Flatterhafte macht die kitschige Romantik beim Streunern aus. Immer wenn man sich mit Orten und Menschen so wohl fühlt, dass man bequem wird und sich darin mit teuren Möbeln einrichten könnte, ziehen einen die Neugier und Rastlosigkeit in neue Gegenden, die von weitem den Eindruck erwecken, dass es sich lohnt, sich auf den Weg zu machen und sie zu streifen. Als wäre alles zeitgleich vollkommen und im Argen. Das ist der Takt.
Und wenn dann Menschen nebenan sitzen, die schon an früheren Orten die deprimierten Tapetenfetzen in der eigenen Kammer von der Wand gespachtelt und durch bunte Farbe ersetzt haben, dann addiert sich Zuhause mit der Anzahl an Menschen, die bedeuten.
Es war Lagerfeuer, Schnitzeljagd, eine Gitarrenfrucht, Frühstücksei, ein Lichtbündelndes Objektiv, Amsterdam, Meer, ein lebenslanger Ohrwurm, wie damals und auf ewig.
Und dabei war so viel festzuhalten, dass noch zwei Tage nachgelegt wird.
hope you like it, perhaps even a lot.

httpv://www.youtube.com/watch?v=L64c5vT3NBw

21. April 2011

Kaleidoskop

Man wird ein bisschen zum Kind wenn man in der Sonne blinzelt. Und wenn die Sonne von den Wimpern gebrochen wird, entsteht so ein buntes Schimmern. Und bei jedem Wimpernzucken erinnern die flimmernden Punkte an ein Kaleidoskop. Es muss unheimlich blöde aussehen, von Außen. Von Innen aber ist man für einen Moment wieder zwölf und so fasziniert davon, dass man ganz aufgeregt nicht mehr aufhören kann damit. Auf Ostern wurde sich diesmal auch so gefreut, als wäre man ein Kind, das mit großen Augen ungeduldig durch die Scheibe zuschaut wie die Portion Zuckerwatte um den Holzstab gewickelt wird.

Die vergangenen Tage sind übergelaufen mit einer unerwarteten Erkältung, keiner deutlichen Erklärung, einem verschobenen Besuch, einem Katalog voller Pläne, einer Mütze ohne Schlaf, einem Becher voller Eis, einer kleinen Sorge um eine Freundschaft, einer Idee ohne Hand und Fuß dafür aber mit Herz und Bauch, einem Frozen Yogurt mit Apfelmus, einer akademischen Zielgeraden in Sichtweite und einem Naked Cowboy im Wartezimmer der Arztpraxis.
Jetzt aber: Ostern.
savor it a lot!

20. März 2011

Sonne

So langsam ist sie wohl wirklich zurück, schaut jetzt öfters wieder vorbei, schellt nicht erst weil sie ja noch den Schlüssel vom vergangenen Jahr hat und grinst zufrieden im Stuhl auf dem Balkon, als wär sie nie weggewesen. Wenn man sie so beobachtet, erinnert man sich wie sehr sie in den letzten Monaten doch gefehlt hat.
Und weil man Besuch hat, kann man ja im Grunde nicht anders als den Uniordner auf einen anderen, weniger sonnigen Tag vertrösten. Nur, dass sie immer diesen quengelnden kleinen Bruder Heuschnupfen im Schlepptau hat – das geht so nicht.

8. März 2011

Berlin II – Unbekannte im Nenner

Berlin kratzt die Reste aus dem Topf, klebt Bildchen auf die Löcher in der Jeans statt sie wegzuschmeißen. Berlin fährt nicht zu Ikea, sondern kauft seine Möbel lieber in Hinterhofflohmärkten zusammen. Berlin zieht den Bauch vorm Schaufenster nicht ein, ist bodenständig und verkauft keine Currywurst mit Blattgold. Berlin gibt einem das Gefühl, hinter der nächsten Ecke wartet das Verlieben.
Und mit Fotos versucht man abzubilden, was sich eigentlich gar nicht einfangen und konservieren lässt. Berlin hat blühendes Unkraut zwischen den Kopfsteinpflastern, während in anderen Städten die Rillen mit Teer versiegelt werden. Berlin erinnert an das, was war und noch gehen kann. Berlin trägt Umzugskartons mit eigentlich zu kurzen, rot lackierten Fingernägeln. Berlin hat keine Fußbodenheizung, aber es sind immer gerade so viele Menschen im Raum, die man im Augenblick um sich braucht, um nicht zu frieren.
Berlin drängt sich nicht auf, bietet aber immer eine ausziehbare Schlafcouch, auf der man sich zu schnell zu Hause fühlt. Auf sehr lange Sicht könnten die Kangalfische an der Hornhaut der Gewohnheit und Bequemlichkeit nagen, Heringe rosten und porös werden und geschlagene Wurzeln trocknen.
Berlin i like.