2. August 2010

Istanbulli

Vor ein paar Monaten stand er mal eine Weile altmodisch charmant auf dem Hof rum, wirkte wie ein Walkman oder gar ein Plattenspieler zwischen Hightech-MP3-Playern mit eingebauter Temperaturanzeige. Aber Neid hatte er gar nicht nötig. Denn entgegen aller Vermutung hats der alte Herr sogar noch Mal bis nach Istanbul geschafft – der Bulli. Und von dort aus macht er seit heute seine alljährliche Bustour, diesmal quer durch die Türkei und an Bord sind die Fernsehriesen, die sich (siehe Ende des Films) vorzüglich über WM-Erfolge der Nationalelf freuen konnten. Mehr Gutes gibts ab jetzt montags bis freitags 18:50Uhr in der Aktuellen Stunde der alten Dame WDR oder hier.

3. Mai 2010

Meer

Früher gab es hier wortreiche Filmkritiken. Aber Zeit ist nicht nur Geld sondern eben auch Zeit. Also: Bitte mal sinnvoll Geld ausgeben und ganz ohne 3D-Brille und Dolby-Surround-Pipapo großes Kino angucken. Prädikat: MERKwürdig.

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21. Februar 2010

Frühvorstellung

Das letzte Mal war man wohl neun Jahre alt, als man 11 Uhr vormittags im Kino saß. Damals kostete die Kinokarte etwa ein Viertel des heutigen Preises, aber das war sowieso egal, denn Mutti hat das Ganze bezahlt und das Popcorn hatte man schon gierig während der langen Filmwerbung für „Free Willy“ vernichtet.
Heute Morgen also klingelte der Wecker, damit der Film nicht ohne einen beginnt. Grund war dieser, nennen wir ihn Schlumpffilm 2.0 in 3D. Der Fachmann meinte, man bräuchte gute Plätze, um das 3D-Gedöns richtig „zu erleben.” Und sonntags 11 Uhr fallen die Menschen aus den Kneipen, denken an Schlaf oder Kirche, nicht aber an drei Dimensionen.
Weil man sich Rituale auch bewahren sollte, gab es heute, wie damals nach besonderen Kinobesuchen, ein Kids Club Menü. Und wie bei Überraschungseiern gilt alle Aufmerksamkeit dem Spielzeug; heute: Spiderman. Diesmal aber alles selbst bezahlt.

18. Dezember 2009

We have decided not to die

fernseher-im-krankenhaus

Blockbuster-Kinos besitzen den Charme von Fertigplätzchen im Kühlregal, elektrischen Adventskränzen und Currywurst mit Blattgold. Insofern passen sie ganz gut zu Düsseldorf. Als man noch in Köln wohnte, gab es für kalte Sonntage oder leere Abende in der Woche das Rex oder Metropolis. Dort stehen die Kinostühle teilweise so angenehm chaotisch in der Gegend rum, dass man geneigt ist, sich wie zu Hause zu fühlen und ungehemmt in den Programmkinos die Tränen zurückzuhalten um anschließend bei diesem Unterfangen jämmerlich zu scheitern. So etwas fehlt. Auch in Leipzig, in der Stadt, in der man gefühlt häufiger im Programmkino war als im Supermarkt (alias Kaufhalle), gab es so entzückende Kinosäle, dass man die berauschenden Filme gern in Endlosschleife gesehen hätte.

Dass es draußen hell, dunkel und dann wieder hell wird, kann man in diesen Kinos so königlich ignorieren, weil man nie das Gefühl hat, etwas zu verpassen in diesen alten aber gemütlichen Stühlen. Und wenn man danach im Dusel auf dem Kopfsteinplaster lief, war man so überzeugt davon, dass keiner in der Stadt seine Zeit sinnvoller verbracht haben kann als man selbst. In Berlin gab diese Art Kino sogar häufiger als H&M-Geschäfte – würde ich glauben, wäre ich gläubig; also meine ich. Deshalb ist der erste der zahlreichen Vorsätze für das nächste Jahr gefasst.

Auslöser für diese Idee eines Plans war ein Kurzfilm von Daniel Askill. Der heißt „We have decided not to die“, verlangt einem ein Draufeinlassen ab, ist dann aber gorßartig. Hier das Ganze in drei Teilen: Geburt”„Zwischenwelt“ und „Wiedergeburt“.

24. Januar 2007

Little Miss Sunshine

Tragisch-komisch intelligenter Streifen

Es mutet schon tragisch-komisch an, wenn die Hoovers mit ihrem, lieber in Stillstand verharrenden, reparaturbedürftigen Kleinbus ein zweites Mal auf den Rastplatz fahren, um die dort vergessene kleine Olive zu holen. Denn um sie geht es hier eigentlich. Und um ihre Familie, die dem Zustand des Kleinbusses so viel mehr ähnelt als es erträglich wäre. Selten genug sieht man einen derart klugen, nachdenklichen, frischen und zugleich entlarvenden Film über die kleinste Institution unserer Gesellschaft – die Familie, um diesen Streifen wirklich Jedem eindringlich ans Herz zu legen.

Was Regisseurenpaar Jonathan Dayton und Valerie Faris da auf die Leinwand gebracht haben, lässt einen mit einem eingemeißelten Grinsen und der beruhigenden Erkenntnis das Kino verlassen, dass genau das Abweichen vom Bild der vermeintlich perfekten Familie, die eigenen Verwandten so liebenswert und besonders macht. Jeder der Hoovers auf seine Weise in seiner derzeitigen Lebenssituation gescheitert, lässt die gesamte Familie als Negativ-Reflektion der Fotofamilien erscheinen, die einen im neu gekauften Bilderrahmen entgegengrinsen. Dennoch ist eines schnell klar: in Momenten, in denen Fingerspitzengefühl und Ehrlichkeit am Wichtigsten sind, vermag jeder Hoover scheinbar die richtigen Worte und Gesten für den anderen zu finden. Und so ist es mehr als entwaffnend als Olive dem großen Bruder ohne ein Wort Trost spendet als dieser erfährt, dass er kein Pilot werden kann. Einen ebenso großen Kloß im Hals vermag der sonst so vulgäre Großvater zu erzeugen als er Olive erklärt, dass nur diejenigen Verlierer sind, die ihr Glück nicht einmal versuchen. Und atemlos sieht man zu, als die kleine Olive die Selbstmordmotive ihres Onkels als im Grunde „albern“ entlarvt. Mit intelligentem Witz und unkonventioneller Unverfrorenheit entblättert „Little Miss Sunshine“ auch die Kinder-Miss-Wahlen-Maschinerie in den USA indem das künstliche Trimmen der Kinder auf Erwachsenenästhetik auf die Spitze getrieben wird.

Sichere Hand bewiesen die Regisseure dabei nicht nur beim inhaltlichen Ausloten psychischer Tiefen, sondern auch bei der Besetzung des Schauspielerstabs. Allen voran Abigail Breslin als Olive Hoover, die den Zuschauer mit ihrer bezaubernden Art, schon nach zwei Minuten zum Fan werden lässt.

„Little Miss Sunshine“ ist ein Film über die Familie, deren Vollkommenheit nicht von der Deckungsgleichheit mit dem, von der Werbeindustrie propagierten Bild abhängt, sondern nur durch die Liebe zueinander entsteht. Und so landet der eigentlich so reparaturbedürftige, klapprige Bus dann doch noch auf der Überholspur, vorbeiziehend an denjenigen die das mit der Familienbande und den liebenswerten Macken der Verwandten noch immer nicht kapiert haben.

Vier Minuten

Großes Talent, großartiger Film

Jeder von uns ist in einer Sache besonders gut, besitzt ein Talent, welches mit Leidenschaft und harter Arbeit geschliffen werden muss, um etwas Großes werden zu können. Etwas so Großes, dass wir damit andere Menschen beeindrucken oder gar tief berühren können. Chris Kraus ist nicht weniger als genau das gelungen.

Es gibt Filme, die einen das Kino anschließend erleichtert über das herbeigesehnte Ende verlassen lassen. Dann sind da noch die Filme, die man Freunden abends beim Bier in der Bar empfehlen würde. Aber es gibt auch die Sorte Film, die einen hinterher die Straße vor dem Kino mit weichen Knien und laut schlagendem Herz betreten lässt. Und jedem Menschen in der U-Bahn will man auf dem Heimweg dieses, im wörtlichen Sinne merk-würdige Werk ans Herz legen, es empfehlen wie ein Vier-Sterne-Restaurant – nur großartiger, weil ja staatliche Zwangsverordnung eher unwahrscheinlich, wenn auch in diesem Falle wünschenswert ist.

„Vier Minuten“ ist wohl einer der wenigen Filme, die an Rauhäutigkeit und Feinfühligkeit nicht zu übertreffen sind und mit ihrer Unberechenbarkeit Gänsehaut beim Kinobesucher abonnieren. Es ist die Geschichte zweier Frauen, die engstirnig und in ihrer Auffassung vom Leben abgeklärt erst einmal ihre bisherige Schutzhaut der Unnahbarkeit abstoßen müssen um miteinander auszukommen. Dabei entsteht eine derart geladene Spannung zwischen den beiden Charakteren, die verschiedener nicht sein könnten, dass sich der Zuschauer einem ständigen Wechsel von Entsetzen, Betroffenheit, Verwunderung und Ergriffenheit nicht entziehen kann und will. Die szenenübergreifend erhöhte Herzfrequenz ist primär auf das phantastische und kompromisslose Spiel die Hauptdarsteller zurückzuführen. Unkonventionell, mit ungebändigter Leidenschaft, überragender Zerbrechlichkeit und gleichzeitig ungezähmter Härte spielt sich Hannah Herzsprung wie selbstverständlich in die atemberaubten Herzen der Zuschauer und zugleich in die erste Riege deutscher Schauspieler. Wie bei einem Flügel die weißen Tasten nur gemeinsam mit den schwarzen die komplette Klaviatur bilden, so vollendet Monica Bleibtreu als Pendant zu Hannah Herzsprung diesen Film. Dem Verlust des Wichtigsten in ihrem Leben nachhängend und treu bleibend, zusätzlich von der Zeit mit Grobheit ausgestattet, fällt es Traude Krüger schwer, sich der jungen, unberechenbaren Jenny von Loeben zu öffnen um zu erkennen, wie sehr sie die Leidenschaft und Liebe zur Musik eint.

Chris Kraus hat an „Vier Minuten“ stolze acht Jahre gearbeitet. Gemessen an der Tatsache, dass den meisten im gesamten Leben etwas derart Großes und Bleibendes nicht gelingt, hat sich diese Investition sichtlich gelohnt.

Shinobi

Modernes asiatisches Romeo-und-Julia-Kampfkunstmärchen

Es scheint zunächst verwirrend wenn man im Kinostuhl sitzend die ersten Bilder von „Shinobi“ sieht. Ausgedehnte Landschaftsaufnahmen werden von ästhetisch anmutenden Zweikämpfen abgelöst und werden dann überraschend mit computeranimierten übermenschlichen Kampfelementen versehen.

Alles wirkt genau so, wie man sich ein modernes asiatisches Märchen vorstellt. In „Shinobi“ verschmelzen Glieder der Ninja-Literatur sowohl mit Elementen heutiger Computerspiele als auch mit dem klassischen Stoff von „Romeo und Julia“ zu einem Gesamtkunstwerk. Zwei Mitglieder aus, seit Jahrhunderten verfeindeten Clans verlieben sich ineinander und wollen dem ewigen Kampf ein Ende setzen. Das ist umso schwerer, wenn der einzige Sinn des eigenen Daseins vermeintlich im Töten des Gegners liegt.

Erzählt wird diese Geschichte mit außergewöhnlich schönen Naturbildern, die jedoch häufig einen Tick zu lang auf der Leinwand verharren. Ähnlich verhält es sich mit dem Handlungsverlauf der eigentlich passenden Erzählung, der stellenweise so schleppend vorangetrieben wird, dass der Spannungsbogen darunter leidet. Noch mehr ist es die, für das europäische Ohr befremdliche Detailliertheit, mit der ungebrochen die ausführlichen Namen und Herkunfts-Orte der einzelnen Kämpfer genannt werden. Fesselnd wiederum sind die ausdrucksstarken Darsteller, welchen es mit Bravour gelingt die fantasievolle Atmosphäre der Erzählung in ihren Gesichtern widerzuspiegeln. Da seien die überzogene Theatralik und das gelegentliche Abweichen in tiefen Kitsch verziehen. Dass die moralischen Maximen der Protagonisten vom Kinobesucher jedoch nur schwer nachvollziehbar sind, macht die Story zwar einerseits absonderlich, stärkt aber schlussendlich die mystische Ader des Films.

Wer auf einen gehörigen Mix aus Ninja-Kampfkunst, Romeo-und-Julia-Romantik und computerunterstützte Waffentechniken steht, kommt in „Shinobi“ auf seine Kosten. Für alle anderen hat dieser Film wohl zuviel von jedem.

The Departed – Unter Feinden

Großartiger, starbesetzter Thriller

Polizei und Mafia versuchen sich gegenseitig immer einen Schritt voraus zu sein und schleusen dafür einen Maulwurf in das System des Anderen ein. Es folgt der erbitterte Versuch die Identität des Anderen aufzudecken um die eigene zu wahren.– Das ist der Stoff aus dem Thriller-Träume gemacht sind. Dank Martin Scorsese wurde aus dem Plot in „The Departed“ ein rasanter, psychologisch ausgeklügelter und vielschichtiger Film, der sich vielerlei Hinsicht von den Polizei-jagt-Mafia-Katz-und-Maus-Spiel-Streifen abhebt.

Sehr wohl ist es der grandiose und zugleich simple Handlungsablauf, der das energiegeladene Fundament dieses Films bildet. Der Kampf zwischen Gangster und Cops wird herunter gebrochen auf zwei komplexe Charaktere, gespielt von Matt Damon und Leonardo DiCaprio, die zwischen ihren zwei Identitäten zu zerreißen scheinen. Selbst mit dem organisierten Verbrechen vor Augen aufgewachsen, arbeitete Billy Cotigan hart um sich dem Milieu zu entziehen und wurde Polizist. Nun muss er genau in die Rolle schlüpfen, welche er immer gefürchtet hat. Umgekehrt geht es Colin Sullivan. Schon früh von Untergrundboss Costello, einmalig gespielt von Jack Nicholson, unter die Fittiche genommen, arbeitet er sich zum Elite-Cop hoch und genießt das Dasein als Alltagsheld. Gleichzeitig ist es ihr Job, unentdeckt Informationen über die Strategie des anderen Systems zu beschaffen um dieses von innen aufzubrechen.

Scorsese hat das viel versprechende Drehbuch von William Monahan derart explosiv, packend, irrational, brutal und mit einer zündenden Prise schwarzem Humor derart gekonnt umgesetzt, dass der Kinobesucher gebannt in seinem Stuhl herumrutscht und ratlos über das Filmende spekuliert.

Dass der Zuschauer schon nach wenigen Minuten komplett in die Story eintaucht, ist nicht zuletzt der Besetzung mit der 1.Schauspielerliga zu verdanken. Neben der intensiven Darstellung von DiCaprio und Damon und einem unschlagbaren Nicholson, beschert Mark Walberg in der Rolle des schroffen Sergeant Dignam dem Film so manchen launigen Hochgenuss.

Fazit: In „The Departed“ kommen alle Komponenten für einen spannenden Kinoabend zusammen: eine brillante Geschichte, grandiose Schauspieler, bereichernder Sarkasmus in den Dialogen und Unklarheit über die Filmdramaturgie. Dieser Film ist für jeden Freund packender Thriller mit dramatischen und komischen Elementen ein Muss.

Spiel auf Bewährung

Vom Verstand als Waffe

Es ist eine große Hürde für die Jugendlichen in der Strafvollzugsanstalt, den gewohnten Bandenrivalitäten den Rücken zu kehren, das Machtinstrument Knarre gegen Köpfchen einzutauschen und den eigenen Verstand als stärkste Waffe im Leben zu erkennen. Eine ebenso große Hürde ist es, einen einfühlsamen und zugleich realitätstreuen Film über diese Thematik zu machen, ohne der hollywoodschen Berechenbarkeit, Oberflächlichkeit und Happy-End-Mentalität zu erliegen, ferner die teilweise bittere, brutale Wirklichkeit für die Zuschauer-Ästhetik mit einem „Ende gut – alles gut“ aufzuhübschen. Dieser Film überwindet diese Hürde.

So sehr man sich auch im Vorfeld im Recht wähnt, „Spiel auf Bewährung“ in die Schublade `wirklichkeitsferne Bilderbuch-Resozialisierung junger Krimineller´ zu stecken: diese Kategorisierung lässt sich im Kinositz nicht allzu lange aufrechterhalten. Regisseur Phil Joanou ist es gelungen, jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei die wahre Geschichte des Bewährungshelfers Sean Porter zu erzählen, der mit Ausdauer und Rückrad aus jugendlichen Schwerverbrechern ein Footballteam und damit über Bande verantwortungsbewusste Erwachsene macht. Stets bemüht, die Bodenhaftung nicht zu verlieren, bewegt sich der Ball in „Spiel auf Bewährung“ immer wieder hin und her zwischen gescheiterten Bemühungen um ein junges Leben und dem Kampf um ein Dasein ohne Gangs, Waffen und Vergeltung.

Grund für die entstehende Nähe zwischen Film und Zuschauer ist neben der Bemühung um Realitätsnähe definitiv auch die geglückte Besetzung des Schauspielerstabs. Neben Actionstar Dwayne Johnson und Rapstar Xzibit imponiert vor allem die talentierte Riege an Jungschauspielern, wie Jade Yorker und Setu Taase.

Es ist die Vielschichtigkeit, mit der in diesem Film die unterschiedlichen Charaktere gezeichnet werden; die Zerrissenheit, mit der die Jugendlichen zwischen Ausweglosigkeit und neuen Möglichkeiten schwanken; die Ehrlichkeit, mit der immer wieder Rückschläge gezeigt werden; die Aufrichtigkeit, mit der gezeigt wird, dass bei Weitem nicht alle ihre zweite Chance nutzen können oder wollen. All diese Feinheiten bewirken, dass der Zuschauer ernsthaft für dieses Problem sensibilisiert wird, sich mit den Charakteren solidarisiert, mit ihnen hofft, dass sie den Football am Ende des Spiels in ihrem Händen halten, ihr eigenes Leben in die Hände nehmen. Was will ein Film mehr als das.