31. Januar 2007

Wer zum Teufel…

play

Kurz: Was mit Medien. Laaang: Ich arbeite als Redakteurin für die politische Talkshow “hart aber fair” (Das Erste). Produziert wird die von der mit Tempo&Recht aufsteigenden Produktionsfirma “Ansager&Schnipselmann”.

rewind

1985 Geburt in einem Land vor unserer Zeit, in einer Stadt im grünen Herzen (Erfurt)

2003 Abitur (1,1 – yeah, baby)

2003-2011 Studium Diplomjournalistik und Politikwissenschaft – Universität Leipzig und TU Dortmund (1,4 – heureka!)

seit 2003 journalistische Arbeit:

Fernsehen: “Ansager&Schnipselmann” (Das Erste, WDR), “I&U” (Stern TV), MDR, RTL

Print: “Welt am Sonntag”, “Welt kompakt”, “Thüringer Allgemeine”

Online: wdr.de, kinokritiker.de

forward

kreativ arbeiten mit Flausen, Funkeln&Flimmern, Weltreise 2012

pause

Fotografie, Musik, Reisen, Fernsehen, Bloggen

30. Januar 2007

Wohngemeinschaften

Von psychologischer Kandidatenauswahl, flacher Kühlschrankhierarchie und auseinanderklaffenden Putzplaninterpretationen

„Eine Wohngemeinschaft (kurz WG) bezeichnet das freiwillige Zusammenleben mehrerer unabhängiger Personen in einem Haushalt“, so zumindest beschreibt es die web 2.0 – basisdemokratische Enzyklopädie. Dass hierbei aber auch so manche Unfreiwilligkeit, Abhängigkeit und Definitionsabweichung Einzug halten kann, bleibt, zum Leidwesen aller Zwischenmietnomaden, häufig unbeschrieben. Als bewerbungsroutinierte Dauer-WG-gesucht-Anzeigen-Kundin und seit 2003 WG-polygam lebende Generation-Praktikum-Zugehörige bleiben skurrile WG-Besichtigungen, Herdfreie Zwischenmietzeiträume und unüberbrückbare zwischenmenschliche Differenzen nicht aus.

Um der Formel des WG-Glücks näher zu kommen: hier eine Beschreibung der Infrastruktur des „Wie-find-ich-meine-Lebensabschnitts-Wohngefährten-Marktplatzes“ vom wackeligen Gullyloch bis zum roten Teppich.

Die WG-Suche hat gewissermaßen etwas mit Selektion gemein. Welche Studienrichtung des Zimmeranwärters ergänzt am Ehesten meine persönlichen Unzulänglichkeiten? (Sprich: Ist der potenzielle Mitbewohner und Informatikstudent nicht schon aufgrund der Tatsache, dass ich mit meinem Drucker auf Kriegsfuß stehe, automatisch meine 1.Wahl?) Inwiefern lassen sich die Ernährungsgewohnheiten des Bewerbers mit meinen ethischen Maximen vereinbaren? Und umgekehrt: Kann ich meine anerzogenen Hygienemaßstäbe herabsetzen und über Staubmäusesammlung in den Flurecken hinwegsehen? Und: Ist es zeitlich möglich, den umfangreichen Putzplan, der unübersehbar im Goldrahmen an jeder Tür hängt, einzuhalten und trotzdem noch Seminare an der Uni zu besuchen? Kurzum: Ganz gleich ob man auf der Suche nach einer reinen Zweck-WG ist oder das „Miteinander Leben“ wörtlich nehmen will, bei der Fahndung nach einer passenden WG bzw. einem ebensolchen Mitbewohner hat man quasi nie die Schwarz-Weiß-Wahl zwischen „passt perfekt“ und „geht gar nicht“ sondern meist nur zwischen den Grautönen „ erträglich, weil zeitlich begrenzt“ und „nicht das Gelbe vom Ei aber alternativlos“. Hat man die realitätsferne Vorstellung vom problemfreien Zusammenleben erst einmal abgelegt, gestaltet sich auch der WG-Bewerbungsmarathon annehmbarer. Denn bereits die so genannten WG-Besichtigungen, deren Zauber häufig lediglich in der beruhigenden Gewissheit besteht, die kommende Nacht nicht im Zimmer zwischen dem nachtaktiven, schielenden Computerspielefreak und der schlafwandelnden Vegangerin verbringen zu müssen – zumindest noch nicht, haben es schon in sich. Beim provisorischen Vorstellungsgespräch in der (hoffentlich eingerichteten) Küche sollte man die innere Nix-wie-weg-hier-Alarmanlage nicht überhören. Brisante Themen, die die eigene WG-Bewerbungsaktie schnell fallen lassen, gibt es viele. Als eigentliche Herausforderung erweist sich dabei der Balanceakt zwischen dem Äußern der tatsächlichen eigenen Vorstellungen vom Zusammenleben und dem Suggerieren des „Ich bin der, den ihr sucht“-Gefühls um sich die Option dieses Zimmers (weil eventuell die einzige) weiter offen zu halten. Wie es in einer WG im Alltag zugeht, lässt sich durchaus schon beim ersten Gespräch heraushören. Je verkopfter und bürokratielastiger der Bewerberabwicklungsmodus` desto eingeschränkter wird wohl auch das Leben in dieser WG. Es gibt Wohngemeinschaften, die ihre Entscheidung für einen neuen Mitbewohner von dessen Aszendenten abhängig machen. Wer dort dennoch einzieht, muss sich nicht beschweren wenn sich einmal die Woche alle Mitbewohner nachts, mit Räucherstäbchen bewaffnet, im Flur zusammenfinden um wegen einer schlechten Sternekonstellation böse Geister durch die offenen Fenster bei Minus 15Grad aus der Wohnung zu vertreiben. Ins eigene Fleisch schneidet man sich beim Bewerbungsgespräch auch, wenn man ehrlich zugibt, selbst gern mal ebensolches von Schwein, Rind, Pute und Co zu essen. In einer Veganer-WG kann man sich von da an jeden weiteren Versuch, das Zimmer zu ergattern sparen. Um böse Überraschungen zu vermeiden, ist vor allem die Frage nach den Berufen der möglichen neuen WG-Gefährten unerlässlich. Wenn der 33-Jähriger Erzieher, den alle WG-Urgestein nennen, dann erzählt, er hätte sich vor einem Monat mit einer privaten Partnervermittlungsagentur selbstständig gemacht, kann man stutzig werden und sollte es wohl auch. Wird diese Information dann noch mit der Anekdote unterfüttert, dass alles Firmenvisitenkarten mit positiven Energien aus der Erde aufgeladen wurden, damit der Sprung in die Selbstständigkeit auch Erfolg verspricht, wird es Zeit auf die Uhr zu schauen und wichtige Termine zu erfinden. Entpuppt sich bei der Berufsfrage keiner als Grenzfall, kann man einen Schritt weitergehen und organisatorische Eckpunkte abfragen. Kauft man Lebensmittel im Wechsel für alle ein oder hat jeder sein eigenes Fach im Kühlschrank? Hierbei sei gesagt: Leben lässt es sich mit beiden Varianten gut. Die Alarmglocken sollten jedoch läuten wenn die Mitbewohner in spe bei dieser Frage vom „Containern“ ins Schwärmen geraten. Hinter diesem Wort steckt nichts anderes als nächtliche Züge mit der Taschenlampe durch die Mülltonnen der Supermärkte auf der Suche nach abgelaufenen Lebensmitteln, die aber „durchaus noch genießbar“ sind. Fällt bei dem Kühlschrankthema weder das Wort „Containern“ noch „strenger Veganer“, bleibt noch die Frage nach der Putzphilosophie des Hauses. Auch wenn das beileibe nicht das Traumthema junger Menschen ist. Hat man einmal mit drei Männern zusammengelebt, bei denen nur einer mit dem Blick für Kalkflecken, Schatten in der Badewanne und gruseligen Mustern auf dem Badfliesen ausgestattet ist, weiß man das Abklären im Vorfeld zu schätzen. Solange Tätigkeiten wie nass durchwischen, Waschbecken reinigen und Müll runter tragen nicht auf ein mit Fremdwörtern konfrontiertes Gesicht stoßen, lässt sich auch die Kompatibilität in dieser Angelegenheit herausfinden. Viele WGs regeln den Putzrhythmus mittels gebastelter Drehscheiben oder Kalender. Bei manchen genügt lediglich der soziale Druck, den eine Liste ausübt, auf der sich jeder für geleistete Hausarbeit mit einem Strich oder gar einem Bienchenstempel belohnt. Was es dann noch zu bereden gilt: die Frage nach sozialer Kompetenz. Wie stellst du dir denn ein Zusammenleben so vor? Schön ist es, wenn man da den Eindruck vermittelt nicht zu Autisten zu gehören aber auch nicht stets mit einer Mitbewohnerin aufs Klo gehen zu müssen. Trifft man auf eine WG, in der Montags Bingo-Abend, Mittwochs Seidenmalerei-Tag und sonntagmorgens „So-war-meine-Woche“-Gesprächskreis ist, sollte man sich das noch mal überlegen.

Sind Brennpunkte wie Haustierungeklärtheiten und WG-Pärchen-Behandlung besprochen, kann diese, vor allem in finanzieller Hinsicht, attraktive Wohnform in der Tat zum Inbegriff guten Studentenlebens mutieren. Im optimalen Fall findet man Menschen, die einem aufopferungsvoll einen provisorischen Schreibtisch aus einer Küchenplatte bauen, mit denen man abends beim gemeinsamen Kochen in der Küche bei Gesprächen und Wein die Zeit vergisst und die man liebend gern abends in sein Zimmer lässt um ihre Sucht nach U.S.-Krimiserien mit dem einzigen Fernseher der WG zu befriedigen. Findet man solche Mitbewohner, die weit über die WG-Zeit hinaus zu Freunden werden, lohnt sich sogar die unfreiwillig erlernte Bedeutung von „Containern“ und man denkt mit 30 Jahren in den eigenen vier Wänden gern an alte WG-Zeiten zurück, wenn auch gerade WEIL sie zurückliegen.

28. Januar 2007

 

Erklären Sie mir Ihre Liebe! –

„Wenn schon nicht für immer,

dann wenigstens auf ewig.“

(Udo Lindenberg)

“Man muss wissen wie weit man zu weit gehen kann.”

[Jean Cocteau]

„Draußen wird es langsam kalt. Für Wärme wird ab jetzt gezahlt.“

(Tomte)

„Geld ist besser als Armut – wenn auch nur aus finanziellen Gründen.“

(Woody Allen)

„Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,

wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,

und ohne Füße kann ich zu dir gehen,

und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.

Brich mir die Arme ab, ich fasse dich

mit meinem Herzen wie mit einer Hand,

halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,

und wirfst du in mein Hirn den Brand,

so werd ich dich auf meinem Blute tragen.“

(Rainer Maria Rilke)

„Alle schreiben darüber,

weil alle darüber schreiben.“

(Spiegel)

„Und alles lässt mich glauben

In diesem Körper ist kein Zweifel,

dass wir Dinge, die im Fernen liegen

igrendwann einmal erreichen.“

(Tomte)

„Besser allein als in schlechter Begleitung.“

(Boudu)

„Die Menschen sind so furchtbar weit voneinander;

und die, welche einander lieb haben,

sind oft am weitesten.

Sie werfen sich all das Ihrige zu

und fangen es nicht, und es bleibt zwischen ihnen liegen

irgendwo und türmt sich auf und hindert sie endlich noch,

einander zu sehen

und aufeinander zuzugehen.“

(Rainer Maria Rilke)

„Das allein erlöst von allem Leiden –

(-wähle nun!):

den schnellen Tod

oder die lange Liebe.“

(Friedrich Nietzsche)

„Und wenn er auch wusste,

dass er den Besitz dieses Duftes

mit seinem anschließenden Verlust

würde entsetzlich teuer bezahlen müssen,

so schienen ihm doch Besitz und Verlust

begehrenswerter

als der lapidare Verzicht auf beides.“

(Patrick Süsskind)

“Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.”

[Max Frisch]

 

„Leben ist langweilig, ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich schreibe.“

„Nur in Träumen gelingt ein Fliegen aus eigener Kraft“

„Alles, was ich einsehe, erscheint auch durchführbar, ich muss es nur nicht aussprechen, sondern tun.“

„Der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen,

die sich zur Veröffentlichung nicht eignen;

er wartet dann auf seine Ironie;

seine Wahrnehmungen unterwirft er der Frage,

ob sie beschreibenswert wären, und er erlebt ungern,

was er keinesfalls in Worte bringen kann.

Diese Berufskrankheit des Schriftstellers macht manchen zum Trinker.“

„Sie wird gebraucht, unsere Schuld, sie rechtfertigt viel im Leben anderer.“

„Keine Rüstung aus der Absicht, Krieg zu führen, hat jemals so viel gekostet wie die wachsende Rüstung zur Vermeidung eines Krieges.“

„Ich antworte auf dieselben Fragen nicht immer dasselbe. So überzeugend finde ich keine meiner Antworten.“

„Wie immer wenn eine Frau sich Sachen ansieht, die sie um keinen Preis kaufen wird, langweilt er sich sofort.“

„Standhalten der Zeit, beziehungsweise Ewigkeit im Augenblick. Ewig sein: gewesen sein.“

„Leben im Zitat“

„Ich habe nicht mit dir gelebt als literarisches Material, ich verbiete es, dass du über mich schreibst.“

„Melancholie der gemeinsamen Ortlosigkeit. Man müsste jetzt einen Einfall haben und hat ihn nicht.“

„In diesen Tagen schmerzt mich nicht, dass ich vergessen kann und mich erinnern muss.“

(Max Frisch)

„Und die Zeit versucht zu trösten,

und die Liebe versucht zu bewahren,

dass man weiß, dass man drüber hinwegkommt,

wie man früher einmal war.“

(Tomte)

„Was ich wirklich hasse, ist `Geht`s gut?´

weil es voraussetzt, dass es gut geht.“

(Harald Schmidt)

„Die meisten Importe kommen aus dem Ausland.“

(George Bush)

„Die Rache der Journalisten an den Politikern ist das Archiv.“

[Robert Hochner]

„Ich bin heute in einer Art und Weise aus der Badewanne gestiegen, bei der ich gemerkt habe: Das ist Kunst. Es wurde zwar nicht fotografiert, aber so etwas spürt man ja auch instinktiv.“

[Jonathan Meese]

Trost im Gedicht

Denk dir ein Trüffelschwein,
denk’s wieder weg:
Wird es auch noch so klein,
wird nie verschwunden sein,
bleibt doch ein Fleck.

Was je ein Mensch gedacht,
läßt eine Spur.
Wirkt als verborgne Macht,
und erst die letzte Nacht
löscht die Kontur.

Hat auch der Schein sein Sein
und seinen Sinn.
Mußt ihm nur Sein verleihn:
Denk Dir kein Trüffelschwein,
denk’s wieder hin.

(Robert Gernhardt)

„Wer schreibt, bleibt – Wer spricht, nicht!“

(Robert Gernhardt)

24. Januar 2007

Vom Winde verweht

Wie ein Sturm neben pflanzlichen Riesen auch einen politischen Zwerg zu Fall brachte

21.01.2007

Vergangenen Donnerstag berichteten sie im Fernsehen es hätte einen umgeweht. Das wurde zwar vorausgesagt, aber wenn man es streng nähme, wir würden uns auch heute schon mit fliegenden Autos fortbewegen. Daher überraschte dieses Ereignis dann doch. Zumal der Gefallene vermeintlich feste Wurzeln besaß, die sich seit sieben Jahren in die Erde krallten und das noch mehr seit er sich entschloss doch nicht weiter nördlich neue Wurzeln schlagen zu wollen. Jetzt liegt er also am Boden. Und dabei spielt es keine Rolle ob vom Winde verweht oder heimlich abgesägt.

In der Tat – am 19.01.2007 hat Kyrill nicht nur pflanzliche Riesen sondern auch einen politischen Zwerg umgehauen. Aber woran lag es, Freistaat, der du lieber nur „Staat“ wärst und nicht länger einer von sechszehn? Lernen aus der Vergangenheit? Oder bringt ein Blick in die Märchenwelt Beruhigung und Weisheit?

Da gab es eines, in dem gingen zwei Mädchen durch den Wald voller Bäume, sahen einen unterkühlten Braunbären und nahmen ihn mit nach Hause. Dort durfte er sich am Ofen aufwärmen, bekam Futter und Respekt. Am Ende brachte er Wohlstand und Zufriedenheit. Denn er war nur äußerlich Bär und im Inneren Prinz. Hierzulande sah das schon anders aus, weil Realität die Umkehr von Märchen bedeutet. Den Bären, zum Problemfall degradiert, traf nicht Respekt sondern Munition.

Der, der vor wenigen Tagen zu Boden ging, hat am Ende Ähnliches erlebt: Respekt erwartet und Munition abbekommen.

Problembären und Problempolitiker haben scheinbar zumindest eines gemeinsam. Sie merken nicht, wann ihre Blütezeit zu Ende ist und kommen meist fremdbestimmt und unfreiwillig zu Fall.

Das Ende vom Anfang

3.August 2006

An Tagen wie diesen öffnet man die Augen und merkt: alles etwas dunkler, draußen wie drinnen.

Was nahe liegt: der Hang zu übertreiben. Dabei steckt doch noch alles in den Kinderschuhen, die noch ganz am Anfang stehen und noch weite Wege gehen. Also: kein Denkmal setzen, sondern erstmal Füße auf den Boden. Trotz aller Vernunft im Kopf: der Schwindel ist dennoch da. Und ein flaues Gefühl, genau da, wo sie ihren Kompass für Takt und Rhythmus aufbewahrt.

Wenn man sie sah, dann mit dem guten Gewissen, den Raum anschließend nicht schon im Dunklen verstohlen verlassen zu müssen sobald der Vorhang fällt, damit keiner sieht, wer da war. Sondern: liegen vor Lachen, aufstehen aus Anerkennung. Kein Kater sondern Köpfchen, der Grund für diese Wahl.

Ihr Angebot zu unterhalten: wie Angeln, tatsächlich ohne Haken. Dass dabei weniger Fische anbeißen: in Zahlen: schwer zu schönen, in Worten: unbezahlbar.

Und während die anderen auf Quoten setzen, mit Abstrichen bei der Qualität, war diese Redaktion es, die die Prioritäten verschob und damit dann doch, heute wird die Vernunft ausgeklammert, unter Denkmalschutz gehört.

Erzählten andere vom Wort „Leben“, haben sie es um ein „i“ ergänzt.

Gerade als ihr in euren Büro warm wurdet, uns ums Herz schon längst, knallten von denen über euch immer Worte an eure Decke, von wegen Quote, Marktanteile in Prozent, pimp it massenkompatibel sonst dismissed, Halbwertszeit abgelaufen, Wertschöpfungskette, dies und das. Und eines war klar: das ihr diese Sprache nicht allzu abgebrüht beherrscht, war plus und minus in einem.

Jetzt wo selbst die Nacht sonnig scheint und der Schwindel im Kopf der Klarheit weicht, bleibt zu sagen: danke für die schöne Zeit. Ihr solltet wissen: man hat sich zu Hause gefühlt.

Unterm Strich:

„das ist nicht die sonne die unter geht, sondern die erde die sich dreht“ unter euren Füßen, die erst noch in den Kinderschuhen stecken, welche noch ganz am Anfang stehen und noch weite Wege gehen.

Die Freude ist auf unserer Seite.

Kuttner auf der Leipziger Buchmesse

18.03.2006

Es ging gleichermaßen geduldig und ungeduldig zu am Samstagnachmittag. Zwischen all dem geduldigen Papier fand sich eine Vielzahl ungeduldiger Anhänger des guten Moderatorengeschmacks ein.

Was sie wollten – alle nur das eine: das Kleine da vorne, unterschrieben von der Großen, der man die nicht zu übersehende Tendenz zum baldigen Aufstieg zur ganz Großen nicht absprechen kann und vor allem auch will. Eine Aufzählung derer, mit denen sie dann in einer Liga spielt, spare ich absichtlich aus. Schließlich geht es um die gefühlte Liebenswürdigkeit und Relevanz der medialen Welterklärer und –verschönerer. Hochstilisierung verdirbt ja auch immer gleich so viel.

Apropos Stil: zurück zum Kleinen, das gelesenermaßen an Größe gewinnt. Wortgewaltig und –gewandt, für die subjektive Wahrnehmung von Wirklichkeit (denn es gibt in der Tat keine andere) das Fähnchen schwingend und mit grandiosen wie mutwilligen Schnittstellenbehauptungen (wie zwischen Gerhard Schröder und Oasis) wortreiht sich das süße Kleine Seite für Seite in Hirn und Herz des Lesers und lässt ebendiesen neben glücklichen Tränen aus dem Gesicht auch jeden Zweifel daran fallen, dass das da was ganz Feines ist und einer Fortsetzung bedarf.

Man mag meinen, die Geburt dieser wunderbaren Texte verlief ohne große Komplikationen. Geduldig musste das Papier wohl nicht sein. Wahrscheinlich hat es sich um diese lesens-, liebens – und lobenswerten Texte geprügelt.

Geduldiger mussten da, wie gesagt, die jungen Menschen sein, die das Kleine signiert haben wollten und schließlich Happy-End-belohnt wurden.

Und auch in meinem Regal reckt sich nun stolz der signierte Buchrücken auf Augenhöhe zwischen dem „100-Fragen-an-…-Mann“, dem Frischen Schweizer und diversen Alben in Buchform.

Einziger Wehrmutstropfen an diesem Tag zwischen Büchern und deren Muttis und Vatis: Außergewöhnlichem Talent wird, ob vom Talentträger gewollt oder nicht, auch auf selbige Weise begegnet. Man mag es Ent-Mädchen-von-Nebenanisierung und Zerstreuung der Mensch-wie-du-und-ich-Wahrheit nennen. Jedenfalls wurde angenehmes (und das ist so wertvoll weil selten) Augenhöhe-Menscheln und das selbstlose Engagement, den Durst der Welt (an dieser Stelle der Ungeduldigen) zu stillen mit unnötig unterwürfiger Reaktion begegnet.

Das macht die Begegnung nicht sichtbar schlechter. Der Ton zwischen den Zeilen ist ja aber auch oft ausschlaggebender für die Stärke eines Textes als die Worte allein.

Schlussendlich ist es doch vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Große um die eine oder andere Augenhöhe-Begegnung bemüht, die ihren Glanz ausmacht und weniger die Vermutung, eine von ihr abgelegte Flasche könnte Geld wert sein. Zumindest sollte das so sein.

Nichtsdestotrotz haben sowohl Buch als auch Autorin an diesem Tag die Erwartungen um liebenswerte Längen übertroffen. Ein Danke dafür erübrigt sich.

Leipzig als Olympiabewerber ausgeschieden

Von geplatzten Träumen und zu Boden gesunkenen Heliumballons

18.Mai 2004

Die Zeichen standen auf Vorfreude am gestrigen Vormittag. Es schien als könnte nichts und niemand die Einwohner Leipzigs von der Euphorie und Siegessicherheit abbringen. Bereits seit Wochen zierten Fahnen und Wimpel die Innenstadt. Kaume in Auto mit Leipziger Kennzeichen verschwieg den Hinweis auf die Bewerbung der Messestadt für die Olympischen Spiele 2012. Sogar an Schaufenstern und Studentenfahrrädern blitzte das Symbol „Feuer und Flamme“ dem Touristenauge entgegen. Dem Enthusiasmus in seiner vollendetsten Form, begegneten die Bewohner der Stadt jedoch vor allem am gestrigen Tag. In der Innenstadt reihten sich Olympia-Stände, ausgerüstet mit T-Shirts, Mützen, Schlüsselanhängern und bedruckten Kugelschreibern. Menschenmengen strömten bereits am Morgen zum Nikolaikirchhof, dem Ort an dem Mittags die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees aus Lausanne live übertragen werden sollte. Mehr als 10.000 Leipziger schienen vor lauter Optimismus vom Boden abgehoben und feierten das Großereignis vor der dortigen Showbühne gemeinsam mit Musikern, Moderatoren und ehemaligen Olympiateilnehmern. Es erweckte den Anschein, als wüssten die Leipziger mehr als der Rest der Welt, als wäre die nächste Hürde auf dem Weg zu den Sommerspielen bereits genommen. Schließlich kam auch die erste Entscheidung, die Wahl Leipzigs zur deutschen Bewerberstadt für 2012 im April 2003 durch das Nationale Olympische Komitee völlig überraschend. Seitdem nannten die Leipziger nur ein Jahr, wenn man sie nach der Zukunft befragte. Sowohl die Agenda 2010 als auch die Fußballweltmeisterschaft rückten in den Hintergrund. Denn hier ging es um mehr als nur eine Sportart. Den Sachsen ging es um mehr als eine Stadt in Deutschland. Das bewies schon das Bewerbervideo. Leipzig symbolisierte die Einheit Deutschlands, die Stärke, die Menschen entwickeln können, wenn sie sich gemeinsam einer Herausforderung stellten. Ebendies sollte das Motto „one family“ allen Skeptikern verdeutlichen. Derer gab es durchaus genügend. So gründete sich parallel zum Verein „Leipzig für Olympia“ die Gruppe „Nolympia“. Die hingegen schwerste Zeit erlitt die Stadt im Herbst 2003 als Funktionäre und Politiker unter den Verdacht der Untreue, Vetternwirtschaft und ungerechtfertigter Provisionszahlungen gerieten. Dem Anlass angemessen ließen sich die Leipziger nicht entmutigen und rannten der Krise der der Aktion „Laufe für Leipzig 2012“ davon. Seit dem 12. April liefen die Bürger der Stadt im Rahmen der, von Sportstudenten ins Leben gerufenen Initiative eine sieben Kilometer lange Staffelstrecke, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Fünf Wochen dauerte die Aktion und endete am gestrigen Entscheidungstag, nachdem sich auch Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee und NOK-Präsident Dr. Klaus Steinbach beteiligten.

Nun wollten die Leipziger endlich die Früchte ihrer Mühen ernten, standen neben der Nikolaikirche und starrten um 13.30 Uhr wie gebannt auf die unzähligen Bildschirme und Monitore. Alles war vorbereitet. Fast jeder Besucher hielt wie geplant einen Heliumballon in der Hand. Keiner sollte die Finger zu früh, vor der offiziellen Verkündung der Bewerberstädte, vom Strick lösen. Zu früh gefreut wurde sich dennoch. Denn als Jaques Rogge, Präsident des IOC, die fünf Kandidaten für die Sommerspiele verkündete, schienen nur wenige sofort verstanden zu haben, dass sich bereits alle auserwählten Städtenamen den Weg durch die Lautsprecherboxen gebahnt haben. Das Potenzial der Stadt wäre „für 2012 nicht genug“, so Rogge. Das betroffene Schweigen zog sich über mehrere Sekunden hin, die Luftballons hatten einige aus Fassungslosigkeit in den Himmel steigen lassen. Dieser flächendeckenden Sprachlosigkeit verlieh Ministerpräsident Georg Milbradt am Besten Ausdruck. „Wir hätten es verdient. Die ganze Nation hat einen riesigen Schub erhalten.“ Von diesem ist nun nur noch wenig zu spüren. Nachdem auf der Bühne den Kandidatenstädten gratuliert wurde, löste sich die Menschenmenge schnell auf. Einigen standen Tränen in den Augen. Eine Zusage hätte nicht nur Stolz auf die Heimat bedeutet, sondern auch neue Arbeitsplätze, zumindest vorübergehend, geschaffen. Als Sieger aus dem Rennen gingen die Metropolen. Leipzig konnte neben Weltstadt New York, Londons Bewerbungsbudget in Höhe von 48 Millionen Dollar, Madrids Angebot vor Palma de Mallorca zu segeln, Russlands 20-Minuten-Wege zu allen Schauplätzen und Paris` Angebot, unter dem Eiffelturm Beachvolleyball zu spielen, nicht bestehen. Die endgültige Entscheidung für die Sommerspiele 2012 fällt im Juli 2005.

Doch das interessiert hier gerade niemanden mehr. „Ich hoffe, dass sich Leipzig noch einmal bewirbt“, sagte Rogge am Ende der Live-Übertragung. Auch das bekommen nur noch wenige mit. Ebenso möchte Wolfgang Tiefensee nun erstmal keine Zukunftspläne schmieden. „Jetzt schon über eine neue Bewerbung nachzudenken, wäre zu früh.“ Die Wunden müssen geleckt, die Niederlage verdaut und restliche T-Shirts verkauft werden. Letztere wurden innerhalb weniger Minuten um 50 Prozent reduziert. In diesem Augenblick fühlten sich auch die Leipziger so niedergeschlagen als wären sie international im Wert gesunken. Bis zum Abend haben auch die letzten Heliumballons den Weg zurück auf den mit zerrissenen Fähnchen übersäten Boden gefunden.