26. Juni 2008

Ihr könnt nach Mülheim fahrn…

Stell dir vor es ist EM und keiner kann es sehen… Heute mit dem Rest Europas in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts versetzt worden. Der Super-Gau trat ein und im Menschengestapelten Kölner Stadtgarten lauschten alle dem Bela.

Ein Wunder, dass keines der 5 Tore verpasst wurde. Ein Sendeausfall mit Quote. Den Sieg hatte ich heute beim Schnattern des Geldautomaten kurz bezweifelt. Der Wink: Kontowerbung auf türkisch. Ein Zeichen? – Nein.

Als Zeichen interpretierte ich heute allerdings zwei Kurzmitteilungen im Posteingang. Schwester I verkündete den Kauf eines Hauses, dessen Zimmeranzahl die Einrichtung eines Bastelraumes zulasse. Am selben Tag ließ Schwester II wissen, dass das Studium nun endlich zufriedenstellend zum Abschluss gebracht worden sei. Ich fühle mich in Zugzwang und erwäge kurz, die Anschaffung des ersten eigenen Toasters bekannt zu geben. – Verworfen. Diese Stunde ist nicht die meine. Kommt noch. Bis dahin ziehe ich den Hut.

Cheers. Finale.

22. Juni 2008

Suizid im Saftglas

Sonntag. Eine Woche ohne Arbeit steckt in den Knochen. Auf die fehlende richtungsgebende Tagesplanung wurde eher mit Überforderung reagiert: Ausflug in das Plastikpalmen-Thermalbad? So genannten Last-Minute-All-Inclusive-Urlaub inkl. Cocktails an der Poolbar buchen? Der Natur in Form von Mückenstichen beim Campen freien Lauf lassen? – Was tut der gemeine Mensch im so genannten Urlaub nochmal? In Ermangelung einer eindeutigen Entscheidungsfindung angesichts übergroßer Auswahloptionen gab ich mich vermehrt dem Mittagsschlaf hin und professionalisierte diesen mit gestelltem Wecker. Als Hortkind wusste man früher einfach nicht, was gut ist, wie mir scheint. Aber auch Mittagsschlaf wäre nicht ebendieser, wenn er bis zum Anstoß 20.45 Uhr ausgeführt wird. Deshalb: raus aus den Federn, rein ins Fitnessstudio. Vom Studioleiter mit den Worten “Na, warst auch lange nicht mehr da. Lässt es ein bisschen schleifen oder?!” begrüßt, verschwende ich einen Gedanken an die Etablierung des Nachmittagschlafes, bleibe aber auf dem Rad sitzen. Wie so oft fehlt ihm das Empathievermögen und er erwartet von mir Laufen und Reden zeitgleich. Seit er von meinem “irgendwas mit Medien”- Job weiß, fodert er bei jedem Studiogang eine professionelle Kritik der aktuellen Clubzeitschrift ein. Ich verweigere dies stets.

Den Rest des Tages aufgrund steigenden Pollenflugs und mangelnder Heuschnupfenresistenz in der Wohnung mit Fliegenzählen verbracht. In drei Stunden “Tag der offenen Balkontür” hat der Buschfunk ganze Arbeit geleistet. Mit der achten Fliege wuchs meine Abneigung gegenüber diesem fröhlichen Beisammensein im Wohnzimmer. Fliege 1 kennt kein Tabu und setzt sich auf Nasen. Nachdem Fliege 5 den Freitod im Saftglas gewählt hat, erwäge ich den Kauf einer Fliegenklatsche oder eines Frosches. Aber es ist Sonntag. Also steige ich auf den Umwelt- und Tierschutzbedenklichen Plan B um und katapultiere FCKW mit Lavendelduft in die Luft. Ihr Taumeln erinnert an meinen Gang nach einer Achterbahnfreifahrt. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Schuld ist die Soziabilisierung mit dem Tapferen Schneiderlein. Als sie müde am Boden liegen, schaltet sich doch ein Hauch Mitleid ein. Ich erinnere mich am meine Walpatenschaft. Sind Fliegen nicht auch irgendwie Wale? Ich wähle die solenfreundliche Option und schiebe sie mit einem Weinkorken auf das REWE-Wochenaktionsblatt. Dann stürze ich sie vom 3. Stock in die Tiefe. Da sind sie aber schon wieder wach, fertig mit dem Nachmittagschlaf und tun es ihrem Namen gleich. Inzwischen regnet es draußen. Ein Wetter, das nur Allergiker bei einem Fußballspiel im Biergarten zu schätzen wissen. Und morgen endlich nicht mehr die Frage: was tun mit dieser Freizeit.

root, schwaaarz, geeeelb…

Piktogramme sind ja sowieso so eine Sache. Vor allem wenn man sich Nachrichten bei den Privaten anschaut. Einen draufgesetzt, haben gestern Abend allerdings die Öffentlich-Rechtlichen (die in letzter Zeit sowieso so unangenehm häufig über den eigenen Tellerrand auf das Platzdeckchen der Privaten schielen. In den Tagesthemen: eine Flaggenfarbenlehre, wie sie zu Zeiten der Flaggensehtagesquote von etwa 30 Stück pro EM-Tag bemerkenswert ist: Findet den Fehler!. Gefunden hats dwdl.de. Vor lauter Flaggenschmuck hab ich gestern beim Blick aus dem Balkon selbst auch eine Google-Flaggensuche lang gebraucht um zu merken, dass das bunte große Teil vom Balkon gegenüber nur ein ganz herkömmliches Bettlaken war. Stimmt ja, dafür kann man die Brüstung ja auch noch nutzen…

20. Juni 2008

Kapitulation

Was tun, wenn eine Bewegung vor zahllosen Steigbügeln für konstruktive und zugleich vernichtende Kritik nur so strotzt und man im Moment der verkündeten Abneigung eingestehen muss:

diese Bewegung ist ohne grenzwertiges diktatorisches Agieren nicht aufzuhalten und ich spiel da selbst schon lange mit? – Kapitulation? [Das haben schon andere gemacht; viel zu spät. Das stellt auch ein Autor in der aktuellen Neon fest. Er hat die relaunch-Tauglichkeit des Zweifingerbarts getestet. Die Frage: Ist die Gesellschaft inzwischen bereit dafür? Schließlich hatte doch auch der große Chaplin so einen und der implizierte Fehlschluss ist ja auch allseits bekannt. Der Mann war ja auch Vegetarier - wo käme man da hin. Die Einsicht: Eine Gesellschaft muss für so etwas nie wieder bereit sein. Da fällt mir Frau Merkel ein, die vor ihrem Kanzlerdasein in einem Interview preisgab: „Wir sollten solche Dinge nicht den Rechtsradikalen überlassen.“ Gemeint war das Tragen eines T-Shirts mit der Aufschrift in Runen: „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“. – Vor dieser Aussage kapituliere ich mangels kapieren.]

In jeder anderen Sache verweigere ich die Kapitulation. Sie schreiben was sie wollen und das ist ihr schlechtes Recht, erzählen vom Hörensagen ohne selbst mal nachgefragt zu haben, was ein Leichtes gewesen wäre, kokettieren mit Meinung, die nicht mehr als gequirlter Senf ist. Denn wenn was fehlt, dann die Botschaft, die sich von Beliebigkeit unterscheiden sollte. Und da kann das Glashaus ruhig Risse von Innen davontragen.
Beliebig haben zumindest die 11 Macker auf dem Feld gestern nicht gespielt. Wer konnte auch sowas ahnen. Eines sei mal klar: Wie bei so vielen beklemmend selbstgeißelnden Dingen, sollte man beim Tippen dem Herzen gegenüber dem Kopf den Vorrang geben. Sonst erwischt man sich noch dabei, die Anschlusstreffer der Portugiesen mit einem erleichterten Seufzen zu kommentieren. So weit darf es nicht mehr kommen. Die WM 2010, oder sei es auch die Curling-WM wird ohne meine Tippkünste auskommen müssen. Da sind die Nerven nach 7-tägiger Pole-Position zu schwach. Ich komm gar nicht mehr zum E-Mails checken. Holt mich endlich in euer Mittelfeld.

19. Juni 2008

“Nichts ist so schön auf der Welt wie betrunken traurige Musik zu hören.”

Endlich einmal wieder ein Tomte-Konzert. Nach deren langfristig letztem Gig vor zwei Jahren in Berlin wollte es der Zufall, dass ich auch beim ersten Konzert nach der Pause wieder dabei bin. Diesmal das Campusfest in der Heimat. Umso schöner machte den Abend das Beisein alter Freunde. Die Original Thüringer Rostbratwurst und ein Heer der ortsansässigen Brauereiprodukte machten mich am Abend selig. Da juckt es vor lauter bezaubernder Lieder am Musikantenschlüssel und das Ganze ist größer als dass es vergessen werden könnte.

Ansonsten nimmt die 2.Jahreshalbzeitplanung Form an. Der Sommer in Hamburg und der Spätherbst bei der privaten Sendezeitkonkurrenz in trockenen Tüchern.

Heute aber erstmal das leider letzte Spiel der Deutschen bei der EM08. Das Notebook bekennt Farbe, reichen wird das aber vermutlich nicht. Schön wärs auch, wenn mein Tipperfolg bis zum Turnierende anhalten würde. Aber ich buchstabiere Skepsis.

13. Juni 2008

Schlechtes Wetter_

da melden sich alte, totgeglaubte Narben zu Wort. Und das, wo gerade die Zeit zum Durchatmen beginnt.

P.S. Liegt Kroatien überhaupt in Europa?

8. Juni 2008

Lauf David, lauf_

Abgesehen vom Autokennzeichen, erkennt man die Heimat der Wagen hier vor allem an der Flaggenvielfalt. Als wäre nicht schon die Kombination Italien – Deutschland an nur einem Auto umstritten, heute plasterte meinen Weg zum Sport ein Jeep mit vier verschieden Fensterpatriotismuszeugnissen: Deutschland, Schweiz, Russland und Türkei. Das nennt sich zwar nicht “Farbe bekennen” aber bessere Karten hat man da allemal. Merkwürdig, dass noch keiner der eigenwilligen Kölner Busfahrer auf den Gedanken gekommen ist,… Da sind genug Fenster für alle Länder da.

Mein Flaggenhighlight 2.0 steht allerdings schon fest: das dezente Firmenstatement. Die Deutschlandpremiere heute wird jedoch nicht auf der Firmeneigenen Großleinwand geschaut. Es soll ja noch so popelige Public-Viewing-Plätze und Kneipen geben. In einer Mischung aus Fußball und Bier habe ich gestern übrigens eine steile These entwickelt, deren Ausreifung jedoch noch aussteht: Im Grunde behält man sich alles, was mal war latent bei. Insofern: Ist man in jeglicher Hinsicht Anoymer und infolgedessen immer wieder stets anfällig für Rückfälle, die es zu verhindern gilt. Meistens zumindest. Auf die EM gemünzt: sind wir somit latenter Meister und ein Rückfall ist wünschenswert.

In diesem Sinne: Lauf David, lauf!

6. Juni 2008

“ruft drüben in der geissel an…

… und sagt denen, sie haben nicht länger die größte fußballleinwand in bilk.”

Morgen isses soweit. Und nichts ist dem Zufall überlassen: Tipp abgegeben, Kölsch in der Vorratskammer und Abseitsregel ins Gedächtnis gerufen. Auch die Flagge in der Firma ist gehisst (darf man ja wieder ohne Beigeschmack, geschätzte 5 meter breit) und Bierbänke gereiht vor der Leinwand, die Public Viewing in den Schatten zu stellen vermag. Das sind Dinge, die all das wert sind. 

Nach all dem neumodischen Toppopsuperstarmodel-Gedöns und dem alteingesessenem beckmannschen Exclusiv-Kernerisierungs-Gottschalkismus wird der Dreck für ein paar Wochen vom Fernseher gewischt, weil es sich diesmal lohnt. Heute für einen kurzen Moment den Kauf eines großen Flachbildschirmfernsehers auf Pump in Betracht gezogen; den Gedanken allerdings wieder verworfen. Wohin damit nach der EM und überhaupt: woher das Geld dafür? Der Neid gegenüber den Nachbarn vom Balkon gegenüber beim Blick in das Wohnzimmer ist dennoch groß.

Aber mit Neid muss man leben können. Das wissen bald die Polen und das kennt auch die Polittalkerin wenn sie unbezwungenes Ehemann-in-Beruf-Einbinden von H.Klum mitverfolgt.  Das darf nicht jeder. Gut so. Sollte keiner dürfen.

Was jedenfalls die nächsten Wochen angeht, fällt mir passend Peter Licht ein: “Wenns nicht anders geht, dann: Wir werden siegen.” No utopia – hope so.

3. Juni 2008

“Was du nicht kannst, ist mehrere Leben führen…

… und das schenkt uns die treue Realität. Und der Rest: ist Hobby.”

 Das, was ist, ist derzeit redlich, gewichtig, gut. Das liegt in der wolkenbruchgetränkten Luft, in der das Wasser sich mit den Schlössern verbündet. Das beglaubigt das alte Ehepaar, dem es gelingt, die Zeit mit Würde zu tragen; an der S-Bahn-Haltestelle wartend, zwischen Graffiti und Gegenwart die Haltung bewahrend; als wären sie aus einer anderen, besseren Zeit und als reisten sie zurück dorthin. Das macht die Musik, die es vermag, derselben Fahrt täglich eine neue Farbe zu verpassen, dem Duft eine andere Note, die Nadel – immer an einer neuen Rille ansetzend. Es ist alles andere als perfekt und vollkommen, dieses Leben. Dadurch bleibt: die Möglichkeit der Steigerung und beruhigend unvollendete Lücken, die es zu füllen gilt. Das hält so manches fern: Apathie, Sitzfleisch und den Abspann.

“Beweg mich gern in meinem Kreis. Doch jeder noch so kleine Teich soll dann verbunden sein zum Meer.”

AnhanG: Die 10.000 ist gebrochen – bezaubernd. Doch: scheiß auf Zahlen. Worte sind die Ballons, die an der Oberfläche halten.