31. Dezember 2009

Neues Jahr

Gisbert

Silvesterböller sind irgendwie wie Gunter Gabriel. Aus sicherer Entfernung findet man das Ganze unterhaltsam und amüsant. Aber man hält lieber Abstand, weil diese Böller und dieser Gabriel ja irgendwie den Ruf der Unberechenbarkeit haben und dazu neigen, die Erwartungen zu hoch zu schrauben bzw. die Hosen chronisch zu eng zu tragen. Aber dran vorbei kommt man sowieso nicht. Deshalb: Euch eine lautstarke letzte Nacht dieses Jahrzehnts, in dem wir strafmündig, einkommenssteuerpflichtig und Glücksspiel berechtigt – also nennen wir es beim Namen:
Erwachsen wurden.

29. Dezember 2009

Zwischen den Jahren, Bundesländern und Stühlen

baer

Letzte Tage eines Jahres sind immer so angenehm leicht. Das eine Jahr liegt quasi hinter einem und ist abgehakt und das kommende ist zwar schon in Tiefstartposition, muss aber noch auf das Signal warten, weil es sonst disqualifiziert wird. Alles, was einen in diesen Tagen erwartet, sind die drölfsten Jahresrückblicke. Dass das bei einem Radiosender im Heimatbundesland ausgerechnet Peter-Ich-hab-mehr-Humor-als-viele-denken-Klöppel mit moderierter Betroffenheit übernimmt, zerstört fast die Fahrt durch den schönen Thüringer Wald.
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Und auch an das gefühlt stündlich gesendete Horoskop gleich nach den Infos, Staumeldungen und dem Wetter muss man sich erstmal gewöhnen – kennt man aus dem Sektor nicht. Nostalgisch charmant ist es aber, dass Meat Loaf hier scheinbar noch immer als “Das Beste von Heute” gilt und sich dank hiesiger Radiosender über kräftige Gema-Ausschüttungen freuen darf. – Und das mehrmals täglich.

soljanka1

Inzwischen genießt man in der Heimat vor allem eines: verstanden zu werden.
Zugegeben, in den ersten Tagen zuckt immer das linke Augenlid nervös, wenn Kunstwerke des Dialekts durch die Luft fliegen. Aber hier gibt es liebevoll kodierte Worte wie Flachstrecken in den Fluren. Und im Schreibwarenhandel kann man nach Klebestreifen fragen, ohne in ein fragendes Gesicht schauen zu müssen, welches dann nach Aufklärung des Missverständnisses freundlich genervt murmelt: “Ach so – Tesa nennen wir das hier.” Auf dem Markt gibt es Broiler und in den Kneipen stehen dann auch Dinge auf der Karte, die man im Rheinland vergeblich suchen würde: Soljanka. Vielleicht sollte man im nächsten Jahr mehr als zweimal die Heimat besuchen.

24. Dezember 2009

Wie gut die Zeit mit euch verrinnt

herz2

Selten so viele Kurznachrichten verfasst und sie ohne sie zu versenden wieder gelöscht, weil der Inhalt zu überdreht aber ehrlich erscheint. Man ist wie ein Jengaturm, zusammen gesetzt aus vielen kleinen Holzblöcken. Und sobald einer davon rausgezogen wird, gerät man ins Wanken und irgendwas fehlt:
Ein Ohr in der ersten Nacht des jungen Jahres auf den kalten Flurfließen/ Urlaub buchstabieren helfen/ ein Abend mit Dosen-Prosecco/ die Liebe zur traurigen Musik alter Männer/ Bierdusche im Stadion eines Noch-Zweitligisten/ der Versuch, mit leuchtenden Augen für eine Ruhrpottstadt zu begeistern/ Kölsch in einer karierten Küche mit zu klein gewachsenem Basilikum auf der Fensterbank/ Reden über Schnürsenkel und Klettverschlüsse/ ein Konzert mit Melancholie und Mittelscheitel in der Kirche/ die geteilte Schwäche für amerikanische Arztserien/ eine Kurzmitteilung, die versucht, zu relativieren/ ein Toast auf alte Zeiten.

“auf der Strasse zwischen Leuten
gehen wir wie selbstverständlich
nebeneinander her
aber immer unterschiedlich schwer”

23. Dezember 2009

Ein Teufelskreis

hund
(via)

Gut, dann also wieder rein in die Weihnachtsfeiertage und rein mit all den Bio-Gänsen dieser Welt und dann rein ins Fitnessstudio. Ab dafür.

20. Dezember 2009

Mein Block

platte1

Wieder Weihnachten. Zeit, in die Heimat zu fahren. Das zweite (und logischerweise letzte) Mal in diesem Jahr. Und wenn man dann so mit dem 80 Minuten verspäteten ICE das vor 20 Jahren der DDR angegliederte Westdeutschland verlässt und durch das grüne Herz Deutschlands reist, wird einem ein wenig warm ums Herz. Das ist bereits der Dialekttreue der ICE-Durchsage zu verdanken, die alle Westdeutschen, die mir sächsischen Dialekt unterstellen, eines Besseren belehrt und selbst meine Großeltern deklassiert. Mit einem komischen Gefühl fährt man dann durch die Innenstadt und zählt die Häuser, denen innerhalb eines halben Jahres Bretter vor die Fenster genagelt wurden. Einige wenige Häuser haben (vermeintlich) Glück gehabt und werden scheinbar umso mehr mit Liebe und Energiesparlichterketten bedacht. Und wenn man die schiefen Fachwerkhäuser hinter sich gelassen hat, erreicht man den Stadtteil, in dem man früher die Hügel runtergerodelt ist, bis man zum Essen reingerufen wurde. Vorbei an der alten Schule, außen “verziert” mit dem Klassiker: Fischoptik. Hier hat man die Pubertät abgesessen und anschließend sein staatlich anerkanntes Abitur erworben.

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Blattgold war das hier nie – eher rustikale Rostbratwurst. Und das hat sich ja bekanntlich auch weit übers europäische Ausland hinaus, herumgesprochen. Gefehlt hat in diesem Plattenbau vom Feinsten während der Kindheit nie etwas. Im Gegenteil: Diese Wohnscheiben waren ein Paradies in der Welt der Klingelstreiche. Man hätte 30 Jahre lang Kind sein können und es dennoch nicht geschafft, bei jedem im Viertel zu läuten. Die Häuser, die nicht im Rahmen eines Bewohnerevents abgerissen wurden, hat man inzwischen von ihrer Steinoptik befreit. Da der Zoo in unmittelbarer Nähe ist, dachte man wohl, es würde „total fetzen“, wenn man Giraffen- und Zebraoptik an die Fassade der Hochhäuser zaubert. – Nun ja, ein klassischer Fall von Verschlimmbesserung. Aber auch ein Fall von: Heimat. Hier bin ich aufgewachsen, in harten Zahlen heißt das: hier bin ich 1,21m gewachsen. Dem zoll ich meinen Respekt und gebe mich in einem schwachen Moment dem patriotischen Souvenirkauf hin.

tasse

Denn diese Landeshauptstadt hatte immer schon auch schöne, gemütliche, behütete Seiten. Das merkt man spätestens wenn der Holunder-Chili-Glühwein auf dem Domplatz beginnt zu wirken und man so „back to the roots“-duselig wird. Dann wird es wieder warm ums Herz, was unbestritten teilweise auch besagtem Glühwein zu verdanken ist.

dom

18. Dezember 2009

We have decided not to die

fernseher-im-krankenhaus

Blockbuster-Kinos besitzen den Charme von Fertigplätzchen im Kühlregal, elektrischen Adventskränzen und Currywurst mit Blattgold. Insofern passen sie ganz gut zu Düsseldorf. Als man noch in Köln wohnte, gab es für kalte Sonntage oder leere Abende in der Woche das Rex oder Metropolis. Dort stehen die Kinostühle teilweise so angenehm chaotisch in der Gegend rum, dass man geneigt ist, sich wie zu Hause zu fühlen und ungehemmt in den Programmkinos die Tränen zurückzuhalten um anschließend bei diesem Unterfangen jämmerlich zu scheitern. So etwas fehlt. Auch in Leipzig, in der Stadt, in der man gefühlt häufiger im Programmkino war als im Supermarkt (alias Kaufhalle), gab es so entzückende Kinosäle, dass man die berauschenden Filme gern in Endlosschleife gesehen hätte.

Dass es draußen hell, dunkel und dann wieder hell wird, kann man in diesen Kinos so königlich ignorieren, weil man nie das Gefühl hat, etwas zu verpassen in diesen alten aber gemütlichen Stühlen. Und wenn man danach im Dusel auf dem Kopfsteinplaster lief, war man so überzeugt davon, dass keiner in der Stadt seine Zeit sinnvoller verbracht haben kann als man selbst. In Berlin gab diese Art Kino sogar häufiger als H&M-Geschäfte – würde ich glauben, wäre ich gläubig; also meine ich. Deshalb ist der erste der zahlreichen Vorsätze für das nächste Jahr gefasst.

Auslöser für diese Idee eines Plans war ein Kurzfilm von Daniel Askill. Der heißt „We have decided not to die“, verlangt einem ein Draufeinlassen ab, ist dann aber gorßartig. Hier das Ganze in drei Teilen: Geburt”„Zwischenwelt“ und „Wiedergeburt“.

17. Dezember 2009

The Art of: Wärmepflaster

warmflasche
(via)

Der Rücken ist derzeit so verspannt und verknotet, dass man sich wie so ein Knubbel bei den Happy Hippo Riegeln fühlt. Dabei entstehen Kopfschmerzen, von denen Kopfschmerztablettenforscher für ihre Studien nur träumen können. Gestern also die Mittagspause für einen Gang zur Apotheke genutzt. Dort leidet man ja immer gern aufrichtig übertrieben, weil sich die netten Menschen dort so vermeintlich ehrlich um das eigene Wohlbefinden sorgen. Sie nehmen Anteil, ich gebe Geld: das ist der Deal. Abends wurde dann das Wärmepflaster aufgeregt und erwartungsvoll auf den Rücken geklebt. Den auf der Verpackung versprochenen zwölf Stunden Wärme steht man eher skeptisch gegenüber. Der heutige Tag allerdings hat seelig gemacht. Spiele mit dem Gedanken, die rund 134 Euro locker zu machen um den gesamten Körper mit Wärmeplastern zu bekleben – auch auf die Gefahr hin, dass die Körperkerntemperatur um sieben Grad steigt.
Es gab nur einen Moment, in dem man sich das Pflaster kurz vom Leib reißen wollte: In der Uni wird wegen Studentenbeschwerden derzeit auf höchster Zahl geheizt. Wenn man also im gemessenen 27 Grad Celsius Mief sitzt, wird das Pflaster zum Dolchstoß. Aber sonst: stark.

16. Dezember 2009

Mixtape Zwanzig09

plattenspieler

Der erste Schnee liegt auf Düsseldorfs Dächern. Also endet das Jahr wohl wirklich bald. Eine Gelegenheit, für 2009 ein organisches Mixtape zu präsentieren. Tadaa:

Lunge
Bloc Party – trojan horse
Everlaunch – picturefreak
Thirty seconds to Mars – kings and queens
Maximo Park – calm

Herz
Barcelona – come back when you can
Wolfgang Müller – Unterschiedlich schwer
James Yuill – this sweet love
Gisbert zu Knyphausen – Wer du bist
Chapeau Claque – Reykjavik
Everlaunch – gravity
Clueso – So sehr dabei
Olli Schulz – Bloss Freunde

Nieren
Bloc Party – biko
Tomte – Nichts ist so schön auf der Welt wie betrunken traurige Musik zu hören
Bright Eyes – poison oak
Wolfgang Müller – Herz voll Schrott
Florian Ostertag – africa, I come
José González – heartbeats
Philipp Poisel – Wie soll ein Mensch
José González – hints
Tomte – An der Flamme eures Hasses (Zünd ich mir eine Kippe an)

13. Dezember 2009

The Art of: Freizeit

keks
(via)

Ein richtiges, echtes, wahrhaftiges Wochenende mit 48 Stunden genutzt, um sowohl Mitfahrgelegenheiten (noch in der Abfahrtsstadt ein platter Reifen, hinten sitzen zu dritt) als auch die Deutsche Bahn (Zugverspätung, Anschlusszug verpassen, Wucherpreise) zu verwünschen. Ziehe in Erwägung, in die Erfindung des Beamens zu investieren. Bei der spontanen vorweihnachtlichen Familienaufeinanderhockerei habe ich zur eigenen Beruhigung beschlossen, dass man sich in guten Familien nerven muss – Umkehrschluss: dass Familie nerven muss, damit sie gut ist.
Ansonsten wurden in den 48 Stunden gefühlte drölfhundert Geschenke für diverse Geschwister eingepackt. Einen Teil möchte ich allerdings gern behalten, trotz Alterskennzeichnung „2-5 Jahre“.
Und an so einem langen Wochenende, findet man sogar die Zeit, den seit zwei Wochen rumliegenden, in den USA bestellten Kram endlich dort draufzukleben, wo er hin soll:

mac-apple