22. Oktober 2011

Von Windeln verweht

Heute bin ich an der roten Ampel aus abgrundtiefer, aufrichtighoher Überzeugung stehen geblieben, weit und breit kein Auto, und auch kein Kind, für das man hätte Vorbild sein müssen. Aber: Er ist jetzt da. Nun also Tante. Da ist Verantwortung, die es zu tragen gilt, da sind Hormonausschüttungen, die es abzufeuern gilt, da sind Erdnussflipsförmige Finger, die es zu bewundern gilt.
Da muss es jemanden geben, der ihn mit Alfons Zitterbacke Hörbüchern versorgt, der ihm die ersten Chucks schenkt, der ihm Geschichten vom anderen Ende der Welt erzählt, der ihn auf dem Spielplatz in der Rutschenschlange vor all die Pullunder-Torben-Hendriks schiebt, der mal heimlich die Hausaufgaben für ihn macht, der ihn beim Kinder-Memory gewinnen lässt, der ihm erklärt, dass Knight Rider und Oasis zeitlos und Flipper und Green Day überbewertet sind, der ihm sein erstes Bier spendiert ohne dass die Eltern es erfahren, der ihm bei Bedarf einen guten Tätowierer empfiehlt, der ihn in der Pubertät daran erinnert, wie abgöttisch seine Eltern ihn lieben. – Nichts tät ich lieber.

19. Oktober 2011

Inseltreue

Wie aus heiterem Himmel fräst es Furchen in die Stirn, die seit Jahren nicht da waren. Und irgendwie hört es sich so vertraut an, dass man die Ohren gar nicht mehr davon lassen kann und will. Und jeder Song ist nur so neu wie ein guter alter Freund, dem man nach mehreren Leben nachts halb zwei frierend am Bahnsteig begegnet. Und man kann nicht anders und nicht weniger aus dieser Gelegenheit machen als zusammen in der nächsten Kneipe zu versacken und so lange in alten Geschichten zu schwelgen bis sie wieder zu den aktuellen gehören. Famos.

Manche nennen es altersmilde – Ich nenne es aufgeräumt. Dieses Album ist unbemüht geradeaus, Rotz und Wasser, Chuzpe und Vehemenz, Bier und Pandora, Drama und Rauch, zurück und nach vorne, Schall und Absolution. Und prompt fällt mir wieder ein, dass ich unbedingt mal ne Weile in Great Britain leben muss. Aber der gebuchte One-Way-Flug nach Cape Town rockt auch schonmal sehr.

2. Oktober 2011

Süßes Nichtstun

Der Tag der deutschen Einheit ist das Ketchup unter der Ladentheke des Feiertaggeschäfts. Als Ostkind weiß man, dass das was besonderes ist – sowohl historisch als auch praktisch. Erst einmal kann man um diesen Tag herum nichts in sich Schlüssigeres tun, als das vor einiger Zeit ergatterte Sandförmchen Reisefreiheit mit dem Weiterplanen einer Weltreise zu füllen. Und dann verdonnert dieser Feiertag einen ja förmlich zum Innehalten (und damit auch zum Ausschlafen und wertvollen Nichtstun). Für beides ist man demütig dankbar.

Vor allem weil eine sich anbahnende Erkältung fast alles kaputt gemacht hätte. Dabei beschleicht und verfestigt sich allmählich der Eindruck, alle Apotheker haben sich bundesweit einer Schulung „Wirkungslos aber teuer – Homöopathie: der neue heiße Scheiß“ unterzogen. Die richtigen rezeptfreien Medikamente bekommt man nur noch selten und dann nur unter dem Ladentisch. Zum Glück hat man aber eine bezaubernde Ärztin im geschätzten Freundeskreis. Die echten Medikamente in Kombination mit Hausmittelchen Zitronensalzwassergurgeln haben die freien Tage gerettet.

Diese wurden dann mit den Stiften Nestwärmebesuch, dem Ankurbeln der Outdoorausrüstungswirtschaft und dem süßen Nichtstun bunt angemalt. Alles grandiose, wozu sonst keine Zeit ist: das aus dem Sinn geratene Spazierengehen (not 18 anymore) das immer wieder nerdige aber phänomenale Flughafenpilgern bei Sonnenuntergang inklusive Rollfeldhasengucken, die Kamera in die Hand nehmen, Chaostetris im Kopf ordnen, Gitarre spielen, Zeitgefühl verlieren, und einen Ort finden, an dem das süße Nichtstun sogar den Zuckerspiegel zum Sprudeln bringt: Peynirli Künefe. Hach.