Mentos im Blut

Man erinnert sich noch sehr gut daran. An eine Nacht im vergangenen Februar. Es war eine Nacht, die die US-Amerikaner zum Tag gemacht hätten, wäre dort nicht ohnehin Tag gewesen. Es war Superbowl. Man hat sich durch die mitteleuropäische Nacht gequält, mit lauter US-Süßkram vom Discounter. Kaufkriterium waren Stars&Stripes auf der Verpackung. Und der Superbowl war wie immer großes Kino, Glitter, aggressiv, Nebelmaschine, Feuerwerk, laut und somit auf indiskutable, dekadente Weise so auf dicke Hose, dass man am Ende nur noch impressed wie ein Kind ohne Münzgeld vorm Greifautomaten stand. Spätestens in der Halbzeit wollte man sich dann gern noch 46 weitere Sterne auf den Bauch tätowieren lassen, denn: wenn ‘phänomenal’ ein Schokoriegel ist, dann war das ein Karamellriegel im Kokosmantel mit Kirschvanilleeisfüllung, der anschließend noch flambiert wird. Das alles wäre wunderbar anzuschauen, so im Morgengrauen wenn die Öffentlich-Rechtlichen um die Bedeutung der angemessenen Nachbetreuung wissen würden. Im vergangenen Jahr wurde Sekunden nach Ende des Superbowl die Übertragung beendet. Nicht für einem erstklassischen Hollywoodstreifen, auch nicht für eine gesellschaftskritische Doku. Nein: Die schönstens Bahnstrecken Neuseelands sollten dem Gebührenzahler nicht vorenthalten werden. Und so saß man mit seinem sportlichen Emotionen vor Bahngleisen. 2011 die gleiche Geschichte: Statt Emotionen und Statements nach dem Spiel: die schönsten Bahnstrecken der Schweiz – der SCHWEIZ! Da hackt nicht nur die Milch. Sie zeigen wie der Teig geknetet wird und schwenken weg, wenns ans Ausrollen geht.

Heute dann: schon wieder. Die US-Fußballerinnen, die es ohnehin als erstes vermocht haben, einem ohne wenn und aber klarzumachen, warum Frauenfußball geguckt werden muss, sind spektakulär ins Halbfinale eingezogen. Spektakulär im Sinne von Blut in den Adern, das sich wie Cola verhält wenn man Mentos reinwirft.
Okay, es folgten wenigstens keine Bahnstrecken, sondern die verspätete Tagesschau. Aber wofür gibt es denn Eins Festival, Eins extra und all den anderen Kram? Flexibilität erschöpft sich nicht in der Höhenverstellbarkeit von Intendantenkonferenztischen. Wenn man nicht noch vor Freude Mentos im Blut hätte, man wäre sauer. Amerika, Amerika…

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