Wechselstrom

Lovely 2011,
Du hattest es nicht leicht mit mir. Schon ganz zu Beginn, als du gerade anfangen wolltest, mir von dir und deinen Vorzügen zu erzählen, habe ich nur Augen für 2012 gehabt. Ich habe dir am Anfang gar nicht erst die Chance gegeben, mir zu zeigen wie bezaubernd, famos, selbstlos, wurzeltreibend und bedeutend du für mich und meine Flausen bist. Spätestens als du mir all die surreal phantastischen Menschen um mich herum mit dem Vorschlaghammer auf dem Silbertablett serviert hast, habe ich gemerkt, was du zu bieten hast. Sie alle sind in meinem Telefonbuch und damit bin ich dermaßen reich: es ist ein Wunder, dass meine Bank noch nicht angerufen hat um mir lukrative Anlagen aufzuquatschen.
Ach 2011, du warst ein feiner bodenständiger Kerl, denn du isst Stulle statt Kaviar, nutzt den öffentlichen Personennahverkehr statt den Privatjet, fährst leidenschaftlich Tretboot statt dich auf deiner Yacht zu ahlen und, und das ist mir das Liebste, du schätzt das, was du hast und schielst nicht neidisch auf alles, was nur von der Ferne glänzt. Utopie ist nicht dein Ding. Und ohne dich würde 2012 eine Lachnummer werden. Das hab ich schnell gemerkt. Ohne dich wüsste ich nicht den Wert von Freundschaft und Familie, Dankbarkeit und Wertschätzung. All das hat sich mit dir im Wert verdoppelt und verdrölffacht. Und du hast mir etwas geschenkt, dass ich noch nie hatte: einen gechillten, spektakulär ausschlafenden Neffen, von dem ich das mit dem Tempo rausnehmen und Besinnen auf die Basics – Schlafen, Essen, Aufmerksamkeit, Wärme und flimmernde Lichterketten – gelernt habe. Dankeschön! Ich lass dich nur schweren Herzens gehen und werd nur Gutes von dir berichten, wenn mich jemand nach dir fragt!

Moinsen 2012,
Du wirst in die Geschichte eingehen. Da eilt dir dein Ruf voraus. Ich kenne dich nicht einmal und trotzdem grinse ich breit, wenn ich nur an dich denke. Du bekommst eine Menge Vorschusslorbeeren von mir. Das hast du dir verdient, denn in dir ist das Verhältnis von Arbeit:Urlaub gleich 1:11. Du bist fleischgewordene Flausen, ein Luftschloss aus Zement und das Gelbe vom Ei. Und gleichzeitig hab ich Respekt mit einer gehörigen Portion Angst vor dir: Denn für dich verzichte ich eine zeitlang auf alles, was bisher Fundament und Sauerstoffdusche war: eine Familie, die, wenn auch schweren Herzens, begeistert meine Flausen düngt und Freunde, mit denen man sich bis tief in die Nacht festquatscht als wären die Worte robustes Papier und die Freundschaften Sekundenkleber.
Für dich verzichte ich auf Zeit auf all das und ich hoffe, du bist es wert und hältst Dinge für mich bereit, die ich nur aus dem Fernsehen oder vom Hörensagen kenne. Du wirst mich um den Globus lotsen und damit bist du schon jetzt legendär. Es ist mir eine Freude, dich kennenzulernen. Setz dich ruhig. Ich hab Kuchen gemacht.
Wenn 2011 Fernweh war, dann wirst du mich in Heimweh lehren.

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4 Responses to “Wechselstrom”

  1. 1
    BStinson Says:

    Ich bin über das Weltreise-Forum auf deine Blogs gestoßen und inzwischen begeisterter Leser. Dein Schreibstil gefällt mir sehr und ich bin schon megagespannt auf deinen Reiseberichte…
    Viele Grüße aus Hamburg,
    BStinson

  2. 2
    scp Says:

    Dankeschön, das freut mich. happy new year! siolita

  3. 3
    FrauHansen Says:

    Ach, ach. Ich finde 2012 jetzt schon latent unsympathisch, denn es nimmt dich wehhhhhhheeeeeeeeeeeeeg.

  4. 4
    scp Says:

    Nur wer weggeht, kann auch zurückkommen. Und das ist doch schon ein Wert an sich, find ich. Und zu dir komm ick immer wieder zurück.

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